20. Dezember










Musik: "Weihnachtsfantasie", Ekaterina Afansasieva (Harfe)




Musikplayer







Der Musiker


An einer U-Bahn-Haltestelle in Washington DC spielte ein Mann eines kalten Januarmorgens während einer knappen Stunde auf seiner Violine 6 Stücke von Johann Sebastian Bach. In dieser Zeit benutzten ungefähr 2'000 Leute die Haltestelle; die meisten von ihnen auf ihrem Weg zur Arbeit.

Nach 3 Minuten bemerkte ein Passant die wunderbare Musik. Er verlangsamte seinen Schritt für ein paar Sekunden; machte sich dann aber schnell daran, zeitig zur Arbeit zu kommen.
4 Minuten später erhält der Geiger seinen ersten Dollar. Eine Frau wirft den Schein blicklos in den Geigenkasten des Künstlers und dies, ohne ihr Tempo zu verringern.
Nach 6 Minuten lehnt sich ein junger Mann gegen die Wand, um zuzuhören. Dann blickt er auf die Uhr und stürzt eilends davon.
10 Minuten später bleibt ein etwa 3-jähriger Junge mit grossen Augen vor dem Musiker stehen. Aber seine Mutter will ihn fortziehen. Das Kind bleibt regungslos stehen, um dem Geigenspieler zuzusehen. Die Mutter aber treibt es an und das Kind geht weiter. Mehrere andere Kinder verhalten sich ebenso. Allerdings alle Eltern, ebenso ausnahmslos, zerren an ihren Kindern und mahnen sie schneller weiterzugehen.

Nach 45 Minuten langem, unermüdlichem Musizieren, setzt der Violinist erstmals sein Spiel ab. Insgesamt 6 Menschen blieben in der Dreiviertel-Stunde stehen und hörten ihm für kurze Zeit zu. Etwa 20 Personen gaben ihm Geld und setzten ihren Weg so schnittig wie zuvor fort. Die Gesamteinnahmen betrugen 32 US Dollar.

Nach einer Stunde beendete der Musiker seine Darbietung und räumte seine «Habseligkeiten» zusammen. Es wurde still. Keiner nahm davon Notiz und niemand applaudierte. Es gab keine Anerkennung.

Aber auch keiner hatte eine Ahnung, dass der Violinist niemand anderer war als Joshua Bell, einer der grossartigsten Musiker der Welt. Er spielte eines der hoch-komplexesten und schwierigsten Musikstücke, die je geschrieben wurden auf einer Geige im Wert von 3,5. Mio. Dollar.
Zwei Tage zuvor spielte Joshua Bell vor ausverkauftem Haus in Boston das gleiche Stück zu einem Durchschnittseintrittspreis von 100 Dollar pro Platz. Die Geschichte ist wahr - denn Joshua Bell spielte in der Tat inkognito in der «Underground»-Station. Auftraggeber dieses sozialen Experimentes über WAHRNEHMUNG, GESCHMACK und PRIORITÄTEN war die Washington Post.